In diesem Bericht werde ich euch von meiner Arbeit in Tiquipaya Wasi berichten.

Normalerweise beginnt mein Tag um 7 Uhr morgens mit dem Klingeln des Weckers. Frisch und ausgeruht erhebe ich mich von meiner Schlafstätte und mache mich fertig, denn schon um viertel nach 7 gibt es Frühstück. Die Jungs sind meistens schon etwas früher wach, weil sie jeden Morgen ihre Oficios, beispielsweise Putzdienste, erledigen müssen. In der Küche ist Doña Maria schon am Arbeiten und begrüßt mich mit einem herzlichen Lächeln. Sie ist die Köchin und die gute Seele des Projekts und als einzige Mitarbeiterin seit der Gründung des Projekts 1989 mit dabei.

Die erste morgendliche Herausforderung besteht in einem großen Berg Kartoffeln, der von Doña Maria und mir bezwungen, sprich: geschält werden will. Das klingt ja erst einmal nach keiner großen Herausforderung, dazu muss man aber wissen, dass die bolivianischen Kartoffeln keineswegs gewöhnliche Kartoffeln sind, sie haben Charakter. Mittlerweile würde ich mich doch als recht ambitionierten Kartoffelschäler bezeichnen, neben Doña Maria fühle ich mich trotzdem immer noch wie ein kleiner VW Käfer neben einem schnellen Ferrari. In ihren Händen stecken eben über 20 Jahre geballte Erfahrung.

Auch sonst ist Doña Maria eine ganz besondere Person. Ihr Handwerk, die Küchenkunst, beherrscht sie souverän und ist dabei keineswegs nur Köchin. Sie hat für die Sorgen aller, Kinder wie Betreuer, ein offenes Ohr und ist so etwas wie das ruhende Zentrum im hektischen Alltag des Projekts.

Das Frühstück besteht aus einem kleinen Laib selbst gebackenen Brot und einem Heißgetränk, meistens Kakao, Maizena, Api oder Haferschleim. Alle Getränke, morgens, mittags wie abends haben  miteinander gemeinsam, dass sie mit einer riesigen Menge an Zucker gesüßt sind…um meine Zähne mache ich mir jetzt schon Sorgen.

Nach dem Frühstück beschäftige ich mich mit den Jungs. Im Moment sind vormittags nur etwa 7 Kinder im Projekt, weil alle anderen in der Technischen Schule gegenüber arbeiten. Mal spiele ich Fußball auf der Cancha des Projekts, flechte Armbänder oder lasse mich auf eine Schachpartie mit Edwin ein.

Edwin hat mich in den ersten Wochen sehr beeindruckt und mir gezeigt, dass ich von den Jungs hier unglaublich viel lernen kann. Er ist schon 18 Jahre alt und ein sehr heller Kopf. Beim Schachspiel habe ich keine Chance gegen ihn, gerade wenn ich denke ich habe ihn im Sack, zieht er mich in wenigen Zügen matt. Auch engagiert er sich in einem Streetwork-Projekt, kann super jonglieren und ist sehr musikalisch. Letzte Woche kam ich abends nach Hause und hörte Musik aus seinem Quarto. Dort fand ich ihn mit Rurik, einem Betreuer, wie er gerade einen selbst geschriebenen Song probte. Solch eine Intelligenz und Kreativität findet man nicht bei allen Jungs, es zeigt aber doch, dass in einem Menschen sehr viel mehr steckt, als es auf den ersten Blick vielleicht scheinen mag.

Um 10 Uhr gibt es Refrigerio, eine kleine Zwischenmahlzeit und um viertel nach 12 wird das Mittagessen serviert. Auch da helfe ich Doña Maria in der Küche, zum Beispiel beim Erbsenpulen oder Anrichten der Teller.

Neben diesen Aufgaben stehen auch immer wieder andere Sachen an, vor allem wenn ich die Betreuer unterstütze. Dazu gehören unter anderem Gartenarbeit mit Limberth, Apoyo Escolar mit Rurik und Straßenarbeit mit Walther und Primo.

Von meinem ersten Tag auf der Straße möchte ich etwas genauer berichten.

Mitte September habe ich Walther und Primo, zwei Educatoren aus Tiquipaya Wasi, zum ersten Mal bei der Straßenarbeit begleitet. Morgens um acht machten wir uns auf den Weg in die Stadt und trafen zwei Straßenarbeiter aus anderen Projekten der Stadt. An der Coronilla, einem unbewohnten und wild bewachsenem Hügel nahe der Cancha, begannen wir mit unserer Arbeit. Die Coronilla ist ein geschichtsträchtiger Ort, da sie während des Unabhängigkeitskrieges 1812 Schauplatz der Auseinandersetzung zwischen Peru und Bolivien wurde.

Heute leben auf dem Hügel mehrere Gruppen Obdachloser, alleine sollte man sich dem Ort nicht nähern, weder in der Nacht noch am Tage, da man als Gringo schnell Opfer eines Überfalls werden kann. Die Coronilla ist nur ein Ort von vielen in Cochabamba, an dem Obdachlose ihr Lager aufgeschlagen haben; auch an der Avenida America, der Blanco Galindo und unter einigen Brücken leben Menschen ohne  ein Zuhause. 

Mit den bolivianischen Straßenarbeitern fühlte ich mich aber sicher und so gingen wir zuerst zu vier Bolivianern, die ihr Quartier am Rande der Coronilla unter einem kleinen Baum aufgeschlagen hatten. Zuerst war ich etwas nervös, wie man denn auf mich als Weißen reagieren würde, fand mich aber schnell in einer freundlichen Atmosphäre wieder. Gerade auf die arge Situation bezogen, in der sich die Obdachlosen befinden,  war ich überrascht von der Offenheit, mit der wir empfangen wurden.

Als wir eine herumgehende Flasche Alkohol dankend ablehnten, ging einer der vier zur nächsten Tienda und kaufte für uns ein Flasche Wasser; mit dem Geld, dass er zuvor erbettelt hatte. Auf die Frage, warum er das denn für uns gemacht habe, antwortete der Mann, dass wir seine Gäste wären, auch wenn er nicht in einem schönen, großen Haus leben würde. Dabei ging es den vier Bolivianern wirklich schlecht. Alle waren etwa 30 bis 40 Jahre alt, wirkten aber wesentlich älter. Die Gesichter waren von Narben gezeichnet und ein Obdachloser hatte erst seit kurzem eine Schlägerei hinter sich, ein Auge war komplett zugeschwollen und die Beine konnte er nicht richtig bewegen.

Später stieß noch eine fünfter zu der Gruppe hinzu und gemeinsam machten wir uns auf den Weg zu einer Cancha (überdachter Fußballplatz) in der Nähe der Coronilla. Dort warteten schon andere Obdachlose aus der Stadt, auch Jungs in meinem Alter kamen vorbei. Wir bildeten zwei Teams und fingen an, Fußball zu spielen. Eine zuerst komische und befremdliche Situation, weil etwa die Hälfte der Spieler betrunken oder unter Drogeneinfluss über den Platz stolperte. Am Rande verarztete ein Straßenarbeiter Schnitt- und Platzwunden der Obdachlosen, die sich wegen der mangelnden Hygiene entzündet hatten.

Später kam noch eine Gruppe Jugendlicher zu der Cancha, angeführt von einem großen, stämmigen Mann. Primo erklärte mir, dass er der Chef der Jungs wäre, unter seiner Führung würden sie Häuser und Autos ausrauben.

Nach dem Fußballspiel gab es noch belegte Brote und Getränke für alle und um halb drei machten wir uns auf den Heimweg. Dieser Arbeitstag war bis jetzt mein anstrengendster, allerdings auch der  eindrücklichste, den ich hier erlebt habe.

 

Ich hoffe ich konnte euch einen Einblick in meine Arbeit geben, mein Bericht ist natürlich nur ein kleiner Ausschnitt aus meinem Alltag hier, an jedem neuen Morgen kann irgendetwas Unerwartetes und Neues auf mich zukommen.

Viele Grüße aus Cochabamba

Lucas