Und schon wieder  ist ein weiterer Monat um. Die Wochen vergehen wie im Flug und ich kann kaum glauben, dass schon bald Weihnachten ist. In der Berufsschule läuft soweit auch alles gut und es hat sich nicht groß etwas verändert.  Was sich jedoch verändert hat ist die Tatsache, dass ich keinen Sprachkurs mehr habe. Das gibt mir zum Einen die Möglichkeit auch mehr mit den jüngeren Jungs zu machen und zum Anderen kann ich Walter und Primo, den beiden Straßenarbeitern, bei ihrer Arbeit auf der Straße helfen.

Letzten Montag bin zum ersten Mal mit zur Straßenarbeit gegangen. Es war eine sehr interessante aber auch gleichzeitig traurige Erfahrung. An diesem Tag waren wir zu 8 und unser erster Anlaufpunkt war eine Straßenecke im südlichen Teil Cochabambas. Hier arbeiten 7-8 Obdachlose, die ihr Geld mit dem Wischen von Autoscheiben verdienen. Einige waren sehr freundlich und haben mich direkt als Neuen erkannt und begrüßt. Wo ich denn herkomme und ob mir das Essen und die Frauen in Cochabamba gefallen, waren die häufigsten Fragen. Während ich mich mit ihnen unterhielt endgingen mir natürlich nicht sämtliche Narben und Verletzungen, die sie hatten. Andere wiederrum waren ein wenig ängstlich würde ich  behaupten und wieder andere so betrunken, dass die nicht mehr stehen konnten. Bevor wir gingen,  gaben wir der Gruppe etwas zu Essen und zu Trinken. Außerdem gibt es Fragebögen, bestehend aus 50 Fragen, die wir zusammen mit den Obdachlosen ausgefüllt haben. Die Fragebögen beinhalteten Fragen, wie: „Welche Drogen nehmen Sie?“, „Wie viele Kinder haben Sie?“, „Wo schlafen Sie?“, „Wie viele Mahlzeiten nehmen Sie täglich zu sich?“ , usw. Alle Fragebögen sind jedoch anonym.  Die nächste Gruppe Obdachloser befand ich auf einem kleinen Hügel Mitten in Cochabamba, der „Coronilla“. Hier leben ungefähr 6 Obdachlose zwischen Plastikflaschen und anderem Müll unter Kakteen, die als einziger Schattenspender dienen. Auch sie versorgten wir mit Essen und Trinken und unterhielten uns mit ihnen. Am Ende des Tages erklärte mir Walter, dass wir heute nur ältere Obdachlose besucht haben, für die es keine Hoffnung mehr gibt und dass wir an einem anderen Tag Straßenkinder besuchen werden und ihnen, sofern Platz ist, anbieten werden mit ins Projekt zu kommen. Es hat mich wirklich geschockt zu sehen, wie schlecht es diesen Menschen geht. Trotzdem bin ich Walter und Primo sehr dankbar, dass sie mich mitgenommen haben und ich werde auch weiterhin bei der Straßenarbeit mithelfen.

Reisetechnisch verließen Lucas und ich diesmal wieder Cochabamba für ein Wochenende und machten uns auf zu einem Bolderevent in der Nähe von La Paz. Boldern ist im Prinzip nichts anderes als Klettern ohne Seil und Klettergurt. Dafür sind die Felsen, oder auch "Bolder" genannt, nicht höher als 3-4 Meter und falls man doch mal fallen sollte wird man von Crash-Pads (Matratzen ähnlich) aufgefangen.
Das Event, "Bloqueando", findet jedes Jahr statt und wird von Marken wie "Petzl", "Red Bull" und anderen großen Marken organisiert und gesponsert. Geschlafen haben wir in einem Zelt und für Essen war auch gesorgt. Nur Getränke mussten selbst mit gebracht werden, da es im Umkreis von 150 Kilometern nichts außer Lamas, Felsen, Büsche und Berge gab....Altiplano eben.
Wir setzten uns also Abends mit zwei Rucksäcken und einer Reisetasche voller Getränke in den Bus und kamen morgens im 5 Grad kalten, regnerischen La Paz an. Von da aus fuhren wir mit einem kleineren Bus weiter. Die ersten 30 Minuten war es noch sehr dunkel und die Scheiben waren beschlagen, weswegen ich nichts sehen konnte. Als die Sicht dann besser wurde fand ich mich mitten im Nirgendwo wieder. Wie schon gesagt: Büsche, Felsen, Berge und Lamas. Nach weiteren 2 Stunden kamen wir dann im "Valle de Chalcupunku" oder auch "Valle de luna" ( Tal des Mondes) an. Der Name passt meiner Meinung ganz gut. Ich war zwar noch nie auf dem Mond :D, aber so in etwa könnte es dort aussehen.
Wir waren mit die ersten, die an diesem einzigartigen Ort ankamen und wurden herzlich von den Organisatoren empfangen. Nachdem wir unser Zelt aufgebaut und uns umgezogen hatten, da es mittlerweile fast 30 Grad hatte, kletterten wir auf einige Felsen hinauf und genossen die Aussicht. Mit einem Lunschpaket, Klettersachen, Verplfegung und natürlich einem Red Bull im Gepäck gingen wir los um ein wenig zu boldern. Das Gebiet ist rießig und es gibt tausende Felsen an denen man klettern kann, nur wenige jedoch sind erschlossen. Mit anderen Kletteren sind wir direkt ist Gespräch gekommen und haben uns angefreundet. In etwa 150 Menschen aus Chile, Peru, Frankreich, England, Bolivien, Deutschland und vielen anderen Ländern nahmen an diesem Event teil. Ich habe an diesem Wochenende eine ähnliche Athmosphere verspürt, wie ich sie schon in Kanada erleben durfte. Einfach der lockere, freundliche, herzliche Umgang miteinander kam mir sehr bekannt vor und es freute mich sehr mich in so einem Umfeld wieder zu finden.
Abends ließen wir den Tag mit "Slacklining", Wein und Sonnenuntergang ausklingen. Zu Essen gab es auch reichlich und sogar ein Kino scheinte nicht zu fehlen. So schauten wir zusammen Kletterfilme und wärmten uns danach am Lagerfeuer. Das war wirklich nötig!! Denn zwar wurde es tagsüber bis zu 30 Grad warm, jedoch kühlte es bis unter Null Grad ab in der Nacht. Meine Erwartungen wurden bei Weitem übertroffen und ich wäre gerne auch noch länger geblieben. Aber ich denke ich habe möglichst viel aus einem Wochenende herausholen können.

Während unserer Seminare wurde uns immer wieder gesagt, dass wir als Freiwillige nicht erwarten sollen, dass wir das Leben der Jungs hier von Grund auf verändern werden, es jedoch im ganz Kleinen ein wenig besser machen können. Genau das ist mir letze Woche passiert. Aus Langeweile nahm ich ein Blatt Papier und faltete daraus ein Papierflugzeug, so wie ich es in meiner Kindheit immer  gemacht habe. Nichts Besonderes für mich. Ich denke ich liege nicht ganz falsch, wenn ich sage, dass so ziemlich jedes deutsche Kind schon mal ein Papierflugzeug gebastelt hat. Jose Luise jedoch, einer der jüngeren Kinder aus dem Projekt, sah ein Papierflugzeug zum ersten Mal und beobachtete ganz genau wie ich mein Blatt Papier faltete. Als ich dies bemerkte erklärte ich ihm die einzelnen Schritte und, als die Flugzeuge fertig waren, kletterten wir auf einen alten Wasserturm und ließen sie fliegen. Es freute mich total die Freude und Begeisterung für diese „Kleinigkeit“ in Jose Luise Augen zu sehen und ich musste mich sofort an Geschichten anderer Vorfreiwilligen erinnern, die auch durch kleine Sachen, Großen bewegt haben. Abschließend behaupte ich machen nicht nur wir das Leben der Jungs ein wenig besser, sondern auch sie das unsere.

Mit freundlichen Grüßen aus Cochabamba

Luca Sattler